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hippixs | Fotoblog aus dem Saarland

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Der Fotograf hinter den bekannten Bildern: Fred Stein

14. Juli 2026 by Thomas Hippchen Kommentar verfassen

Wieder mal ein Buch.

Ich schreibe ja nicht sooo oft über Bücher, aber jetzt geht es wieder einmal nicht um meine eigenen Bilder. Dafür aber um einen Fotografen, dessen Bilder vermutlich sehr viel mehr Menschen kennen als seinen Namen.

Mir jedenfalls ging es so!

Als mir das Buch „Der Fotograf Fred Stein. Ein deutsch-jüdisches Leben 1909 bis 1967“ von Daniel Siemens in die Hände fiel, musste ich zunächst passen. Fred Stein? Nie gehört. Dachte ich zumindest.

Denn schaut man sich anschließend einige seiner Fotografien an, stellt sich recht schnell dieses Gefühl ein: Moment mal, das Bild kenne ich doch! Albert Einstein, entspannt lächelnd und mit wachen Augen in die Kamera blickend. Hannah Arendt mit Zigarette. Thomas Mann am Schreibtisch. Bertolt Brecht im Profil.

Alles schon einmal irgendwo gesehen. Nur der Mann hinter der Kamera war mir bislang vollkommen unbekannt. Erstaunlich eigentlich.

Vom Juristen zum Fotografen

Fred Stein wurde 1909 in Dresden geboren und studierte Jura. Eine klassische Fotografenausbildung hatte er nicht. Seine geplante berufliche Laufbahn erledigte sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten: Als jüdischer Jurist durfte er seinen Beruf nicht ausüben, zudem geriet er wegen seiner politischen Aktivitäten in Gefahr.

1933 floh er gemeinsam mit seiner Frau Liselotte – genannt Lilo – unter dem Vorwand einer Hochzeitsreise nach Paris.

Mit dabei: eine Leica, die sich die beiden zur Hochzeit geschenkt hatten. Andere kaufen Geschirr oder Bettwäsche. Die Steins kauften eine Kamera. Was für ein Glücksfall für die Fotografie!

In Paris begann Fred Stein, das Leben auf der Straße festzuhalten: Arbeiter, Kinder, Passanten, politische Demonstrationen, kleine Gesten und flüchtige Begegnungen. Keine aufwendig arrangierten Szenen, kein großes technisches Brimborium. Eine kleine Kamera, vorhandenes Licht und offenbar ein ziemlich genauer Blick für Menschen.

Wer sich zunächst selbst ein Bild machen möchte, findet auf der ⁠Website des Fred Stein Archive zahlreiche Fotografien aus Paris und New York sowie viele seiner bekannten Porträts. Einen schnellen Überblick liefern auch die ⁠Bildergebnisse bei Google. Und natürlich gibt es einen ausführlichen ⁠Wikipedia-Beitrag über Fred Stein.

Paris, New York und zweimal Exil

Steins Geschichte ist untrennbar mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden.

Fred und Lilo Stein lebten in Paris inmitten der deutschsprachigen Emigrantenszene. Sie kannten Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle und politische Flüchtlinge – Menschen also, die ihre Heimat nicht freiwillig verlassen hatten und häufig nicht wussten, wohin es als Nächstes gehen würde.

1940 erreichte der Krieg auch Frankreich. Stein wurde zeitweise interniert, die Familie musste erneut fliehen. 1941 gelang schließlich die Überfahrt nach New York.

Neues Land, neue Sprache, neue Stadt. Und wieder die Kamera.

In New York setzte Stein seine Arbeit fort. Er fotografierte auf den Straßen von Harlem, Little Italy und Manhattan, später zunehmend auch Porträts. Dabei standen vor seiner Kamera nicht gerade Unbekannte: Albert Einstein, Hannah Arendt, Thomas Mann, Bertolt Brecht, Marlene Dietrich, Marc Chagall und viele andere.

Ein ziemlich beeindruckendes Who’s who des 20. Jahrhunderts.

Seine Porträts wirken selten groß inszeniert. Keine dramatische Beleuchtung, keine künstlichen Posen. Stein bereitete sich auf seine Gesprächspartner vor und versuchte offenbar, während des Gesprächs einen Moment zu erwischen, in dem etwas von der Person sichtbar wurde.

Klingt einfach.

Ist es aber nicht.

Kein Buch für nebenbei

Daniel Siemens ist Professor für europäische Geschichte an der Newcastle University in Nordengland. Seine Forschung beschäftigt sich unter anderem mit Nationalsozialismus, Exil, deutsch-jüdischer Geschichte und politischer Kultur.

Das merkt man dem Buch an. Und zwar von Anfang an.

Siemens erzählt nicht einfach chronologisch das abenteuerliche Leben eines Fotografen nach. Er betrachtet Fred Stein vielmehr als Teil der politischen, sozialen und kulturellen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. Es geht um Verfolgung und Exil, um Netzwerke, politische Überzeugungen, berufliche Selbstbehauptung und um die Frage, wie ein fotografisches Werk entsteht und später wahrgenommen wird. Das ist nicht immer leichte Kost.

Der Einstieg in das Buch fiel mir ehrlich gesagt auch nicht ganz einfach. Siemens nähert sich seinem Gegenstand wissenschaftlich, quellenorientiert und mit der Vorsicht eines Historikers. Er möchte belegen, einordnen und Widersprüche sichtbar machen.

Wer auf eine locker erzählte Fotografenbiografie mit vielen Anekdoten aus Paris und New York hofft, muss sich deshalb ein wenig umstellen.

Oder anders gesagt: Das Buch ist nicht unbedingt die ideale Abendlektüre, wenn man so nach einem langen Tag nur noch entspannt ein paar Seiten lesen möchte und dabei langsam auf dem Sofa versinkt. Dafür verlangt es dann doch etwas zu viel Aufmerksamkeit.

Auf den Spuren eines Lebens

Besonders interessant fand ich die Passagen, in denen Siemens von seinen Begegnungen mit Fred Steins Sohn Peter berichtet. Peter Stein, selbst Kameramann, verwaltet den umfangreichen Nachlass seines Vaters in den USA.

Hier wird die ansonsten eher akademische Annäherung plötzlich sehr konkret.

Man kann sich gut vorstellen, wie der Historiker vor Schachteln, Kontaktabzügen, Briefen und Dokumenten sitzt und versucht, daraus ein möglichst vollständiges Bild zusammenzusetzen. Was wusste Fred Stein zu einem bestimmten Zeitpunkt? Mit wem hatte er Kontakt? Warum entstand ein Foto? Wie wurde es später verwendet? Und natürlich: Was fehlt? Denn auch ein gut erhaltenes Archiv beantwortet nicht jede Frage.

Siemens macht diese Unsicherheiten sichtbar. Er formt aus Stein keine makellose Künstlerfigur, sondern zeigt einen politisch denkenden, ehrgeizigen und engagierten Menschen, der auf historische Katastrophen reagieren und sich in zwei Exilländern eine neue Existenz aufbauen musste.

Der Fotograf hinter den Bildern

Gerade der Blick auf die spätere Wahrnehmung seines Werkes macht das Buch spannend.

Denn Fotografien führen bekanntlich ein Eigenleben. Sie werden veröffentlicht, aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst, neu beschriftet, wiederentdeckt und manchmal zu Ikonen.

Gelegentlich verschwindet dabei der Fotograf hinter seinem eigenen Bild. Fred Stein ist dafür offenbar ein ziemlich gutes Beispiel.

Sein Porträt von Albert Einstein gehört zu den bekanntesten Fotografien des Wissenschaftlers. Auch das Bild von Hannah Arendt ist längst Teil unseres visuellen Gedächtnisses. Trotzdem ist Fred Stein heute weit weniger bekannt als viele der Menschen, die er fotografierte. Warum eigentlich? Diese Frage zieht sich durch das Buch.

Zwischen Biografie und Zeitgeschichte

„Der Fotograf Fred Stein“ ist deshalb keine reine Künstlerbiografie. Es ist zugleich eine Geschichte von Flucht, Exil und Neubeginn – und eine Untersuchung darüber, wie kulturelle Erinnerung funktioniert.

Das Buch erzählt von einem Menschen, der zweimal fliehen musste und dennoch nicht auf die Rolle des Opfers reduziert werden kann. Von einem Juristen, der eher aus der Not heraus Fotograf wurde. Und von einem Beobachter, der Menschen nicht als bloße Staffage, sondern als Individuen fotografierte.

Die eine oder andere Passage hätte aus meiner Sicht durchaus knapper und erzählerischer ausfallen dürfen. Die wissenschaftliche Genauigkeit schafft manchmal einfach eine Distanz, wo ich mir etwas mehr unmittelbare Nähe zu Fred Stein und seinen Bildern gewünscht hätte.

Aber vielleicht ist genau das auch nicht der Anspruch dieses Buches.

Ich denke, Daniel Siemens möchte hier keine Heldengeschichte erzählen, sondern er möchte ein Leben rekonstruieren und ein Werk historisch einordnen. Was ihm gelingt! Man muss sich allerdings darauf einlassen.

Und die Bilder?

Nach der Lektüre habe ich mir viele Fotografien von Fred Stein noch einmal angesehen. Oder besser gesagt: zum ersten Mal bewusst angesehen.

Seine Straßenfotografien wirken beiläufig und gleichzeitig erstaunlich präzise. Menschen begegnen sich, warten, arbeiten, diskutieren oder verschwinden gerade aus dem Bild. Kurze Momente, aber keine beliebigen.

Auch seine Porträts wirken nicht monumental. Einstein sieht nicht aus wie ein Denkmal der Wissenschaft. Hannah Arendt nicht wie eine unnahbare Philosophin. Die Menschen bleiben Menschen.

Vielleicht ist es gerade das, was diese Bilder so stark macht.

Fred Stein fotografierte ein Jahrhundert, das es ihm wahrlich nicht leicht gemacht hatte. Trotzdem scheinen seine Bilder immer wieder von Neugier, Respekt und einem tiefen Interesse am einzelnen Menschen geprägt zu sein.
Ein wohltuender Gegensatz zur alltäglichen Bilderflut heutzutage in den sozialen Medien.

Das Buch von Daniel Siemens macht daraus keine einfache Geschichte. Aber eine wichtige!

Daniel Siemens:
Der Fotograf Fred Stein. Ein deutsch-jüdisches Leben 1909 bis 1967
Ch. Links Verlag, Berlin 2026
336 Seiten, 55 Abbildungen
ISBN 978-3-96289-251-7

Kategorie: Allgemein, BildBandBücher, featured, Und Danke für den Fisch

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